Ausstellungen in Olomouc, mit Quargeln und Oplaten / Hostien

06.04.2017

In Olomouc stand die Eröffnung im Zeichen der darstellenden Kunst. In Anbetracht der Launen des Aprilwetters hat sich erwiesen, dass das eine gute Entscheidung war. Denn nach den sonnigen Tagen in Ostrava mussten wir uns in Olomouc bei Open-Air-Veranstaltungen in warme Decken hüllen und die Regenschirme aufspannen, und waren dankbar dafür, wenn wir uns in Galerien und Ausstellungsräume zurückziehen konnten.

Doch die Räumlichkeiten der sog. Lomená galerie (etwa: Gebogene Galerie) in Olomouc boten uns nicht nur Wärme und ein Dach über dem Kopf. Diese Galerie war nämlich auch neuer Ausstellungsort deutsch-tschechischer Wandmalerei des Olomoucer Writers Pauser und seines Berliner Kollegen HRVB. Mit Wandmalerei meine ich Graffitikunst, die ja noch immer hauptsächlich auf die Straße gehört. Doch auch die "Lomená galerie" befindet sich gewissermaßen auf der Straße, denn sie ist ein gebogener Straßendurchgang im Stadtzentrum von Olomouc, durch den am Tag wahrscheinlich mehr Menschen durchgehen als durch die Nationalgalerie (zumindest bis die Ausstellung von Gerhard Richter beginnt).

Streetart ohne Grenzen in der "Lomená galerie". Foto: BL

Streetart ohne Grenzen in der "Lomená galerie". Foto: BL

Streetart scheint mit Olomouc sowieso irgendwie verbunden zu sein, denn hier gibt es unzählige kleine ruhige Straßen, Gewölbegänge und Gänge in den ehemaligen Befestigungsanlagen der Stadt, wo die unterschiedlichsten Meinungsströmungen laut- und gewaltlos aufeinandertreffen können. Und wenn einen selbst unverhoffter künstlerischer Tatendrang überkommt, so kann man diesen hier mit relativ großer Sicherheit ungestört austoben.

Kondom-Automat in Olomouc. Foto: BL

Die Universitätsstadt mit ihrer Philosophie, Historie und Linguistik. Foto: BL.

Die feierliche Eröffnungsveranstaltung fand im Theater der Kunst und Museum der Musik statt, einer Einrichtung, die aus zwei ehemals eigenständigen Institutionen zusammengeführt wurde und heute in der Kulturszene von Olomouc eine wichtige Rolle spielt. Für die, die sich der deutschen Pünktlichkeit angepasst hatten, gab es zur Belohnung einen Berliner Kaffee aus der RIXBOX, und sie konnten sich in aller Ruhe die Foto-Ausstellung von Blanka Lamrová ansehen, deren Fotos aus dem Jahr 1989 die Situation ostdeutscher Flüchtlinge, die in der westdeutschen Botschaft Zuflucht gefunden hatten, dokumentierten. Blanka Lamrová kommt eigentlich aus Litovel in der Nähe von Olomouc. Im Sommer 1989 hat sie allerdings als Fotografin für die Nationalgalerie in Prag gearbeitet, und ist so regelmäßig an der Botschaft der BRD vorbeigegangen. Und nachdem sie entsprechend Mut gefasst hatte, entschloss sie sich, nicht mehr nur an der Botschaft vorbeizugehen und zu schauen, sondern auch zu fotografieren. Denn neben der politischen Spannung und der strengen Polizeiaufsicht hatte sie auch den Mut der Menschen wahrgenommen, die ihr zentral geplantes Leben in der DDR hinter sich gelassen hatten und die unsichere Flucht über Prag wagten. Wenn man die Fotografien von Familien betrachtet, die ihre Wohnungen in Plattenbausiedlungen aufgegeben haben, um in Prag unter freiem Himmel auf ihre Ausreise in den Westen zu hoffen, versteht man, dass von Ostalgie - wie die Deutschen die Erinnerung an die sozialistische Idylle treffend bezeichnen - keine Rede sein konnte.

Blanka Lamrová: Epochenwende in Buchform. Foto: BL.

Mittelpunkt der Eröffnungsfeierlichkeiten war die Vernissage einer Ausstellung von Zeichnungen von Adolf Hölzel, die dem Museum vom Ehepaar Röthinger geschenkt worden waren. Der Sammler Heinz Röthinger ergriff während der Vernissage selbst das Wort und betonte die Bescheidenheit Adolf Hölzels gegenüber seinem eigenen Werk. Mit der gleichen Bescheidenheit hat Herr Röthinger seine Sammlung der Stadt Olomouc gestiftet, damit seine Zeichnungen hier in der Heimatstadt des Malers ihre Publizität unter der Öffentlichkeit finden. Herr Röthinger selbst schätzt an Hölzels Bildern am meisten Optimismus und Wissbegierde, mit denen der Maler neue künstlerische Wege beschritten hat. Hölzel wurde 1853 geboren, d.h. im selben Jahr wie zum Beispiel auch Vincent van Gogh. Sein Schaffen entwickelte sich von impressionistischen Anfängen bis hin zur Abstraktion. Bereits 1905 schuf er sein erstes abstraktes Bild "Komposition in Rot", das seinerzeit etwas absolut Außergewöhnliches darstellte. Liebhaber der Abstraktion haben in Olomouc die außerordentliche Gelegenheit gleich sechzehn (Tusche)Zeichnungen von Hölzel an einem Ort zu sehen. Im Wiener Belvedere Museum gibt es nur ein Bild von Hölzel und im Albertinum drei. Diese Ausstellung scheint ihrem Wesen nach ganz natürlich zum Deutsch-tschechischen Kulturfrühling zu gehören, denn die Persönlichkeit Adolf Hölzels spannt den Bogen von seiner Heimatstadt Olomouc über Wien, wo er studiert hat, bis nach Deutschland, wo er gelebt und gearbeitet hat. Heute sind wir daran gewöhnt, dass die Künstler mit der Überschreitung künstlerischer und geografischer Grenzen kein Problem haben. Aber wie war das wohl Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts?

Vernissage der Adolf-Hölzel-Ausstellung. Foto: BL.

Adolf Hölzel -Bestandteil des Deutsch-tschechischen Kulturfrühlings. Foto: BL.

Der Eröffnungsempfang fand diesmal in den Ausstellungsräumen des Kunstmuseums, direkt in der Ausstellung tschechoslowakischer Aktionskunst "Okamžité chrámy", statt. Mit einem Glas Espresso Martini in der Hand konnte man sich in Zeiten zurückversetzen, als Milan Knížák noch cool war und das Aufstellen eines Esstischs auf der Straße Rebellion gegen das System ausdrückte. Wahrscheinlich aus Protest gegen die Oberflächlichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen wurden auch Olmützer Quargeln angeboten, von denen man in dieser Stadt behauptet, dass sie eine Alkoholfahne zuverlässig überdecken. Dabei bleibt die Geruchsfrage individuelle Geschmackssache. Zum Glück ist in Olomouc die Wahrscheinlichkeit hoch, dass alle Anwesenden im Laufe des Abends Quargeln und Sauerkraut in verschiedenen Mischungsverhältnissen zu sich nehmen und so schneller im selben Boot sitzen werden als im "U-Boot", wie das Gasthaus am Museum bezeichnenderweise genannt wird. Und wer aus dieser Atmosphäre für ein Weilchen ausbrechen wollte, konnte der Aufforderung von Direktor Michal Soukup nachkommen und auf das Museumstürmchen hinaufsteigen, "um aus diesen Höh´n auf die Stadt hinabzusehen".

Espresso Martini auf der Terrasse des Kunstmuseums. Foto: BL.

Olomouc von den Höhen des Türmchens aus. Foto: BL.

Für die Besucher des Kunstmuseums gibt es - sozusagen als Bonus - eine kombinierte Eintrittskarte, die auch für das Erzdiözesanmuseum Olomouc gilt. In diesem Museum kommt jeder auf seine Kosten - unabhängig davon, ob man sich für Architektur, Malerei oder christliche Kunst interessiert. Mit der Rekonstruktion des Gebäudes wurden alle historischen Räume für die Besucher zugänglich gemacht, von den unterirdischen Gängen bis hinauf in die Räumlichkeiten über den Deckengewölben. Wenn Sie schon lange nicht mehr in einem Museum oder einem Schloss waren, in dem Überschuhe Pflicht waren, dann sollten Sie wissen, dass Sie in der hiesigen Bildergalerie ohne Überschuhe nicht weit kommen. (Ich habe auch - begleitet von einem nachsichtigen Lächeln des Museumspersonals -nach einer alternativen Lösung gesucht, doch ohne Erfolg). Überraschend interessant ist auch die vorübergehende Ausstellung "V oplatce jsi všecek tajně" (etwa: In der Hostie/Oplate ist dein Leib auf geheimnisvolle Weise anwesend / wird dein Leib repräsentiert), die den Ritualen um die heilige Kommunion, d.h. Spende und Empfang von Leib und Blut Christi, gewidmet ist. Ich persönlich habe hier Vieles gesehen, was ich bei üblichen Besuchen in Kirchen und Galerien noch nie gesehen habe, nämlich zum Beispiel Bilder von Christus in der Kelter (Weinpresse) oder eine Jesus-Figur mit beweglichen Gliedmaßen, damit man sie bei den Osterfeierlichkeiten vom Kreuz abnehmen und ins Grab legen kann. Die Werke des Mittelalters werden hier außerdem im Kontrast mit Werken bekannter Künstler des 20. Jahrhunderts präsentiert (u.a. František Bílek, Jan Zrzavý oder Ivan Sobotka), die im Vergleich zu den "blutigen" mittelalterlichen Darstellungen Leichtigkeit ausstrahlen, obgleich auch sie sich dem Glauben in aller Würde zuwenden. Lust auf eine Oplate? (Wie wär´s mit einer Oplate?)


Autorin: Barbora Langmajerová