Treffpunkt: Olomouc, Projekt „Dolní vám“

06.04.2017

Ein Geschäft auf einem der ältesten Plätze der Stadt zu haben, mit Blick auf die Mariensäule und nur ein paar Schritte von der astronomischen Uhr mit Glockenspiel entfernt, ist wohl der Traum eines jeden Geschäftsinhabers. In Olomouc scheint das jedoch nicht so zu sein, denn wenn man die leerstehenden Geschäfte im Stadtzentrum zählt, reichen die Finger beider Hände nicht aus. Dabei gehen über den Unteren Stadtplatz tagtäglich viele Menschen, die an warmen Frühlingstagen vielleicht ganz gern auf dem von prunkvollen Bürgerhäusern gesäumten Platz verweilen würden. Warum findet man hier auf dem kopfsteingepflasterten historischen Platz keine Café-Haus-Tische neben Fleischerläden, Gemüseläden, Heilkräuterläden und Konditoreien mit herrlich dicken Cremerollen? Ehe ich jedoch der Verbreitung utopistischer Visionen bezichtigt werde, kann ich bestätigen, dass es auf dem benachbarten Oberen Stadtplatz ganz genauso aussieht. Und das ist keine Volkssage aus der Hanakei!

Tee und Cremerolle. Foto: BL.

Die bestehende Situation erklärt sich durch die Abwanderung kleinerer Geschäfte in große Einkaufszentren, die in den letzten Jahren in Olomouc und Umgebung in großer Zahl entstanden sind. Somit sind die Wege der Menschen "in die Stadt", um kleinere Einkäufe zu erledigen, komplett entfallen. Und damit entfallen natürlich auch alle anderen spontanen Begegnungen, die damit verbunden waren und aus dem Stadtzentrum einen lebendigen Organismus gemacht haben. Gerade diese spontanen Begegnungen gehören ja zu den Vorzügen des Lebens in der Stadt, wo alles innerhalb von zehn Minuten zu Fuß erreichbar ist. Man will nur schnell auf einen Sprung eine Zeitung kaufen, und bleibt am Ende bei einer Tasse Kaffee sitzen oder geht in eine der vielen Bars, die hier in Wein- und Nichtwein-Bars unterschieden werden. Thema der letzten Jahre ist vor allem die Eröffnung des Einkaufszentrums Šantovka, das an der Stelle der ehemaligen Öl- und Fettfabrik aufgebaut wurde. Aktuellen Untersuchungen zufolge scheint Olomouc hinsichtlich der Einkaufsfläche pro Kopf der Bevölkerung sogar Liberec noch zu übertreffen, das bisher an erster Stelle war und auf seine halbleeren Kaufhäuser im Stadtzentrum nicht gerade stolz ist.

Unterer Stadtplatz. Foto: BL.

"Wochenende im Zentrum" hieß eine Aktion, die die Bewohner von Olomouc zurück ins Stadtzentrum locken sollte. Händlern und Organisationen, die sich aktiv in das hiesige gesellschaftliche Leben einbringen wollen, wurden freie Gewerberäume angeboten. Mittelpunkt des Festivals war das Haus Nr. 42 am Unteren Stadtplatz, denn hier sollen ein neues Kulturzentrum und der Sitz des Theaters "Divadlo na cucky" entstehen. In den großzügigen Räumlichkeiten soll aber nicht nur das Theater Platz finden, sondern auch ein Café und Workshop- und Begegnungsräume für alle Generationen. Hier fand auch die Eröffnungsfeier des "Wochenendes im Zentrum" statt. Dass diese Veranstaltung eine der Aktionen im Rahmen des Deutsch-tschechischen Kulturfrühlings ist, war auch daran zu erkennen, dass zweisprachig Lieder von Karel Gott gesungen wurden.

Einleitend gab es eine Debatte über kreative Modelle der Zusammenarbeit, vor allem zwischen Non-profit-Organisationen und dem kommerziellen Sektor. Die einzelnen Interessengruppen wurden von Jan Žůrek vom Theater "Divadlo na cucky", Josef Kvapil, Besitzer des Gebäudes und Unternehmer, Dita Palaščáková vom Universitätsfonds für hochbegabte Studenten und von Architektinnen des Berliner Architektenbüros Guerilla Architects repräsentiert. Die Diskussion aller Beteiligten hat bestätigt, dass die Zusammenarbeit zwischen den Sektoren nicht nur möglich, sondern sogar unabdingbar notwendig ist, wenn tatsächlich eine Veränderung für breite Gesellschaftsschichten erzielt werden soll. Die Guerilla Architects haben sich zwar erst bei der Besetzung eines leerstehenden Hauses in London offiziell zusammengetan, Kritik und Gerichtsprozessen jedoch treten sie aus der Position professioneller Architekten, die keineswegs Vollzeit-Aktivisten sind, entgegen. Dita Palaščáková ist auf der Suche nach talentierten Studenten, die mit Hilfe ihrer Projekte die Welt um sich herum verbessern wollen. Zugleich versucht sie, private Finanzierungen sicherzustellen, damit auch das Interesse des kommerziellen Sektors an den Ideen der Studenten von Anfang an demonstriert wird. Josef Kvapil sucht wiederum als Unternehmer nach Projekten, die es sich lohnt zu fördern: so zum Beispiel die Rettung tschechischer Nationalparks oder die Wiederbelebung des Stadtzentrums von Olomouc. Aus seiner Sicht würden sich die Non-Profit-Organisationen viel zu viel auf die Beschaffung öffentlicher Gelder konzentrieren und sich zu wenig an den privaten Sektor wenden, der häufig bereit wäre, gute Ideen zu fördern, auch wenn sie nicht in erster Linie Gewinn generieren. Gewissermaßen eine Gradwanderung ist auch das Projekt "Dolní vám" an sich, dessen Attraktivität für die Öffentlichkeit gerade der Kampagne kampaň na hithitu getestet wird.

Die Architektinnen des Berliner Architektenbüros Guerilla Architects waren das ganze Wochenende Gäste des Festivals in Olomouc. Jeder konnte mit ihnen diskutieren über öffentliche Städteplanung oder über Verschwendung, wie sie in den Filmen Aus der Mülltonne in den Kühlschrank und 10 Milliarden - Was habt ihr auf dem Teller? gezeigt wurde. Ebenso konnte man mit den Berlinerinnen einen Berliner Kaffee oder einen tschechischen Grünen (Pfeffi) trinken und sich mit ihnen über die Veränderungen, die heute in den Städten vor sich gehen, unterhalten. Dass sich die Städte immer mehr entvölkern, ist nicht nur die Schuld großer Einkaufszentren, sondern zum Beispiel auch solcher Gesellschaften wie Airbnb, die sich aus der guten Idee der gemeinsamen Nutzung von Wohnungen und Unterkünften in einen kommerziellen Moloch verwandelt hat, von dem heute die Mietpreise in den Großstädten der Welt wesentlich beeinflusst werden.

Mit dem Thema Recykling und Sharing beschäftigte sich auch ein zweitägiger Workshop, der auf dem Unteren Stadtplatz von Adam Wlazel aus dem Studio MAK! geführt wurde. Die heutige Zeit regt in Vielem dazu an, mal für ein Weilchen das Internet auszuschalten und zu versuchen, mit den eigenen Händen etwas zu schaffen, d.h. mit Papier oder mit Holz zu arbeiten, zu stricken oder zu backen. Im Laufe des Wochenendes kamen viele Menschen vorbei, und allen war gemeinsam, dass sie einen echten Workshop einer Anleitung auf YouTube vorziehen. So entstand Holzmöbel, das für den wieder zum Leben erwachenden Unteren Stadtplatz genutzt werden kann. Zwar gibt es hier ein paar Bänke, die Studenten scheinbar je nach Bedarf hin- und herrücken, doch das neue Mobiliar soll tatsächlich mobil sein und den Menschen dienen, die zum Beispiel in der anderen Hand eine Tasse Kaffee oder eine Einkaufstasche halten oder ein Kind an der Hand führen.

Das "Wochenende im Stadtzentrum" fand auch noch an anderen Orten auf dem Unteren Stadtplatz oder in seiner unmittelbaren Umgebung statt. Wer seine Kreativität nicht beim Möbelbauer-Workshop ausleben konnte, hatte zum Beispiel die Möglichkeit, in der Buchbinderwerkstatt Parapet Books Papierhefte anzufertigen. Anhänger von Soft gifts konnten im Flop Fashion Store eine Halskette aus rezykliertem Stoff herstellen. Amüsant war auch die Herstellung von Abzeichen, die von der Organisation SPOLU Olomouc angeboten wurde. Die Organisation unterstützt Menschen mit geistigen Behinderungen und Mehrfachbehinderungen und bietet Aktivierungs- und Entwicklungsprogramme an. Ihre netten Mitarbeiterinnen haben im Laufe des Wochenendes vielleicht auch feststellen können, dass es auch die Arbeit mit nichtbehinderten Besuchern in sich hat, besonders wenn sie beim Ausmalen von Anti-Stress-Malheften Wutausbrüche bekommen.

Parabet Books. Foto: BL.

SPOLU Olomouc. Foto: BL.

SPOLU Olomouc. Foto: BL.

In der Straße Ztracená ulice bot das Skaut-Institut "Kaffee und etwas dazu" an (Kekse und ein nettes Gespräch). Ebenso waren Aktivisten aus der Organisation Food Not Bombs anzutreffen, die sich hier schon seit vielen Jahren um den Garten kümmern und Essen kochen aus Lebensmitteln, die sonst in der Mülltonne landen würden. Zwischen Kaninchen und Gemüse fand ein Life-Konzert der Kapelle Chilly Weather statt, was zu dem April-Wochenende in Olomouc ebenso gut passte wie Cold Cold Nights, was wiederum das Verdienst von Jakub aus der RIXBOX war. Für diejenigen, die sich auf geöffnete Geschäfte gefreut und gehofft haben, dass sie am Wochenende im Stadtzentrum auch shoppen können, war neben dem bereits erwähnten Flop Fashion Store auch das sog. Designer Mimokolektiv anwesend, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Liebe zum zeitgenössischen tschechischen Wohnungsdesign zu wecken. Ich weiß nicht, wie viele Leute überlegt haben, wie sie die Metallrohrmöbel des Herstellers Slezákovy závody in ihre Wohnung integrieren könnten. Ich jedenfalls habe intensiv darüber nachgedacht. Eine der freien Ladenflächen wurde von Jana Grešáková für die naturgegebene Schwäche der Frauen für Handtaschen genutzt. Jede gute Tat sollte nicht nur belohnt, sondern auch mit einer Motivation verbunden werden, und deshalb habe ich mir hier eine Handtasche gekauft, mit dem Motiv von Wellen drauf, die mich den ganzen diesjährigen Frühling tragen werden.

Skaut-Institut. Foto: BL.

Garten in der Straße Ztracená. Foto: BL.

Food Not Bombs. Foto: BL.

Chilly weather. Foto: BL.

Mimokolektiv. Foto: BL.

Jana Grešáková. Foto: BL.

Höhepunkt des Wochenendes war ein gemeinsames Abendessen, zu dem jeder sein Meisterstück seiner Koch- oder Backkunst mitbringen konnte. Dazu gehörte natürlich auch das Berliner Chilli con carne aus der RIXBOX, die bis Donnerstag Mittelpunkt des Unteren Stadtplatzes sein wird. Wenn Sie, nachdem Sie deutsch-tschechische Streetfood probiert haben, vielleicht den Gedanken an einen eigenen Foodtruck gefasst haben, dann kommen Sie am Mittwoch zu Treffen mit Hossein Eggebrecht. Von ihm hat die tschechische Rixbox-Besatzung nicht nur das Kaffeekochen und die Chilli-Gerichte gelernt, sondern er hat ihnen auch ein paar einfache und gesunde Rezepte aus einheimischen Zutaten vermacht. Hinzugefügt sei noch, dass der Vorschlag, das Angebot der RIXBOX den lokalen Geschmacksrichtungen anzupassen und in Olomouc Chilli con Olmützer Quargeln anzubieten, von der RIXBOX-Besatzung strikt abgelehnt wurde. Wie soll man das denn verstehen?

Die RIXBOX-Besatzung für Gleichbehandlung lokaler Ingridenzien. Foto: BL.


Autorin: Barbora Langmajerová