Wo ist der Dr. Edvard-Beneš-Platz?

30.03.2017

Ein wichtiges Ereignis ist im Rahmen des Kulturfrühlings in Ostrava die architektonische Neugestaltung des Dr.Edvard-Beneš-Platzes. Es ist überhaupt wunderbar, wenn Veranstaltungen unter freiem Himmel direkt im Herzen einer Stadt stattfinden, wo täglich Hunderte Menschen vorbeikommen. Die Sache hat nur einen Haken: Wenn Sie die Bewohner von Ostrava auf diesen Platz einladen, weiß keiner, wo er ist. Und das deshalb, weil der Dr.Edvard-Beneš-Platz eigentlich gar kein richtiger Platz ist. Zwar steht hier eine Plastik streikender Bergarbeiter, diese ist jedoch umgeben von einer ungepflegten Rasenfläche, auf der es, anstelle von Parkbänken, nur einen Trampelpfad gibt. Das Denkmal der Revolutionskämpfe wird im Hintergrund von der Ruine des ehemaligen Kaufhauses Ostravica-Textilia überragt, und die Blicke der drei Bergleute sind auf drei Casinos gerichtet, die sich heute in der Bahnhofstraße befinden. Wenn Ihnen nicht gerade der Schnürsenkel am Schuh aufgeht oder Sie ein Plakat lesen, das für eine Katzenausstellung wirbt, gibt es hier nichts, was Grund genug wäre, um hier zu verweilen. Kurz gesagt: Der ideale Ort, um sich architektonisch etwas einfallen zu lassen und den öffentlichen Raum zu beleben.

Foto: BL 

Foto: BL

Die Baulücke im Stadtzentrum ist die Narbe, die nach dem Abriss des deutschen Hauses geblieben ist. Das Deutsche Haus, das an dieser Stelle 1895 feierlich eröffnet worden war, stellte damals das Symbol des Zusammenhalts der hier lebenden deutschen Bevölkerung, zu der auch Juden gehörten, dar. Mit diesen ist übrigens auch die Industrie Ostravas untrennbar verbunden, den Baron Salomon Mayer von Rothschild hat damals den Aufbau des Eisenhüttenwerkes von Vítkovice finanziert. Nach ihm wurde das Bergwerk Šalamoun (Salomon), und nach seiner Frau Karolína ein Bergwerk mit Kokerei benannt. Heute steht anstelle des ehemaligen Schachtes - vom Dr.Edvard-Beneš-Platz aus gut sichtbar - das Einkaufszentrum Nová Karolína (Neu-Karolina), und an das ehemalige Bergwerk erinnert nur noch der Gasableitungsschornstein. Im vergangenen Jahrhundert hat sich dieser Raum dynamisch verändert. Und während das einst so prunkvolle Stadtzentrum zu einem trostlosen Platz verwahrlost ist, ist aus der Asche der einstigen Schwerindustrie ein neuer öffentlicher Raum entstanden, der die Bewohner der Stadt anzieht: Hier gibt es auch Bänke zum Hinsetzen, Spielplätze, Gartenrestaurants, und im ehemaligen Kraftwerk sind unter dem Namen Trojhalí Mehrzweckräume entstanden, in denen heute anstelle von Produktionslärm Skateboards und Ballspiele zu hören sind.

Trojhalí. Foto: BL

Trojhalí. Foto: BL 

Nová Karolina: Foto: BL.

Während des Zweiten Weltkriegs war das Deutsche Haus Symbol deutscher Willkür. Und unmittelbar nachdem das Neon-Hakenkreuz am Neuen Rathaus von Ostrava erloschen war, wurde der Abriss des von Bomben beschädigten Gebäudes angeordnet. Deutsche, die in Ostrava und Umgebung in Arbeitslagern interniert waren, haben das Gebäude dann bis 1946 eigenhändig Stein um Stein zurückgebaut. Wie der rote Klinkerbau im Stil der Neorenaissance einst ausgesehen hat, zeigt eine den Platz säumende Fotoausstellung. Alte Schwarzweiß-Fotografien sind heute das Einzige, was von diesem Haus, in dem einst Bälle und Theatervorstellungen stattgefunden haben und zu dem auch ein Restaurant und ein Garten mit einem hölzernen Pavillon mit 120 Sitzplätzen gehört haben, übrig geblieben ist.

Vor der Installation der Ausstellung. Foto: BL.

Eröffnung der Ausstellung. Foto: BL.

Einzige Dominante des Dr.Edvard-Beneš-Platzes ist die Skulptur von Vladislav Gajda, die an die Bergleute erinnern soll, die bei der Niederschlagung des Streiks 1894 im Schacht Trojice ihr Leben lassen mussten. Das Denkmal war in den sechziger Jahren unter dem ideologisch eingefärbten Namen "Denkmal der Revolutionskämpfe" hier auf dem Platz, der damals "Platz des siegreichen Februar" hieß, aufgestellt worden. Und so kommt es, dass den streikenden Bergarbeitern heute von den Einwohnern der Stadt nicht mehr unbedingt Verständnis entgegengebracht wird, obwohl sie für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne gekämpft haben. Architekten des Studios MAK! (Adam Wlazel und Kateřina Videnová) haben, ausgehend von diesem Denkmal, direkt gegenüber den streikenden Bergleuten eine neue Plastik aufgestellt - einen Sockel, auf den jeder, unabhängig von seinem Beruf, hinaufklettern und die Stadt aus einer neuen Perspektive betrachten kann.

Foto: Pavlína Jáchimová.

An die in vielen Farben schillernde Geschichte der Stadt Ostrava erinnern auch die verwahrlosten Gebäude des Kaufhauses Ostravica-Textilia, das seinerzeit zu den besten Modehäusern der Tschechoslowakei gehört hat. Schon zu Zeiten des Kommunismus wurde überlegt, die Gebäude abzureißen, um an dieser Stelle einen neuen Platz anzulegen und den streikenden Bergleuten einen noch besseren Ausblick zu verschaffen. Das wurde jedoch letztendlich nicht verwirklicht, und der inzwischen unter Denkmalschutz gestellte Gebäudekomplex wurde erst im Jahr 2000 definitiv geschlossen. Über all den Gebäuden, an denen früher Neonreklamen leuchteten, schwebt bis heute ein riesiges Fragezeichen, das wegen seines Ausmaßes die gesamte Nutzung des öffentlichen Raums blockiert. Daher verlief die architektonische Intervention zum Teil unter dem Motto "Was nicht verboten ist, ist erlaubt".

Foto: BL.

Wer hätte gedacht, dass Goethe bei Guerillakämpfen im unbekannten Milieu der Wildnis von Ostrava anwesend sein würde? Die Besetzung dieses strategischen Ortes wurde mit dem Theaterauftritt der Schauspieler Jan Fišar und Tomáš Jirman gefeiert, die - begleitet von großen Gesten und Versprechen einer besseren Zukunft - an die Geschichte des Deutschen Hauses von seiner feierlichen Eröffnung bis hin zu seinem weniger würdigen Abriss erinnerten. Als dann das Siegesfeuer brannte, konnten sich die Teilnehmer der Eröffnungsfeier und zufällige Passanten am Stock eine Wurst braten und sich dabei in Vorstellungen vertiefen, wie dieser Ort einmal aussehen könnte. Wer auf der "Kommandobrücke" gestanden hat (denn einer solchen ähnelt der neue Sockel wohl am meisten), muss zugeben, dass diese Perspektive des Revolutionskampfes etwas für sich hat. Schon am ersten Abend haben wir hier Predigten und Jammern, begeisterte Rufe und romantische Gesten á la Kate und Leonardo erlebt, und das alles unter musikalischer Begleitung eines Pianisten aus Ostrava, der aus Überzeugung keine Werke anderer Autoren spielt und jede Szene so untermalt, dass man sich wie im Film vorkommt. Solange die Eigentumsfrage nicht endgültig geklärt ist, gehört dieser Platz - wie es scheint - allen: Menschen, Hunden, denen, die sich hier eine Wurst braten, Musikern und denjenigen, die sich für Architektur und Geschichte der Stadt interessieren, und ebenso romantischen Frühlingsgeschichten und Straßenspielen. Ostrava hat die Messlatte hoch angesetzt und den Frühling mit viel Schwung eingeleitet.

Foto: BL.

Foto: Pavlína Jáchimová.

Foto: BL.

Mit urbanistischen Lösungen für diesen Platz werden sich im April kommentierte architektonische Besichtigungen, ein Workshop zur Herstellung von Parkbänken und eine Planungswerkstatt, deren Ziel es sein soll, aus dem Dr.Edvard-Beneš-Platz wieder einen markanten Platz im Stadtbild der Stadt Ostrava zu machen, beschäftigen. Informieren Sie sich deshalb regelmäßig über unser Programm, damit Sie die Gelegenheit, sich mit Hammer und Schraubenzieher in der Hand aktiv an der Neugestaltung dieses Platzes im Herzen von Ostrava zu beteiligen, nicht verpassen.


Autorin: Barbora Langmajerová