Zum Frühling gehören Sonne und De_tsch

30.03.2017

Ich liebe Ostrava. Ich sage es gleich frei heraus, damit von Anfang an klar ist, warum ich meine Bewunderung großzügiger zum Ausdruck bringe, als es für eine objektive Reportage angebracht wäre. Ich weiß selbst nicht, wie es dazu gekommen ist. Eigentlich gewinnen neue Städte meine Zuneigung nicht so leicht, und in der Regel habe ich hohe Ansprüche. Vielleicht hat der harte Prager Winter dazu beigetragen, dass mich das erste warme Frühlingswochenende und der Eindruck der gigantischen Industriekulisse der Stadt einfach übermannt haben. Dabei wollte ich mir Abstand und auch diese gewisse Skepsis bewahren, die mich beschlichen hatte, als ich an der Seite von Mädchen in Volkstrachten aus dem Hultschiner Ländchen das Kulturhaus der Stadt Ostrava betrat, wo sich Herren in Anzügen auf ihre Eröffnungsansprachen vorbereiteten. 

Foto: Pavlína Jáchimová 

Rixbox, die Gemeinschaft schlesisch-deutscher Freunde im Hultschiner Ländchen und Jakob Ráček bereiten sich auf die feierliche Eröffnung vor. Foto: BL.

Dazu hätte ich jedoch nicht gleich im Foyer mit Vladimír Šmehlík vom Festival Kulturpunkt ins Gespräch kommen dürfen. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Idee der Deutsch-Tschechischen Tage in Ostrava im Gasthaus entstanden ist, als ein tschechischer Dramaturg und ein deutscher Professor zusammen ein Bierchen trinken waren. Den meisten von uns ist es wahrscheinlich schon einmal passiert, dass sie beim Bier oder Wein einen genialen Gedanken gehabt haben, der sich dann - nüchtern betrachtet - als wesentlich weniger attraktiv entpuppt hat. Das gilt allerdings für den Kulturpunkt nicht. Dieser wird von den Einheimischen mittlerweile als untrennbarer Bestandteil des Kulturprogramms der Stadt Ostrava bezeichnet. Meine Sympathie hat Ostrava spontan schon allein deshalb gewonnen, weil ich von Vladimír erfahren habe, dass die Stadt ab dem Sommer offiziell Bike & Ride-Anlagen einrichten will, wobei die Fahrräder nicht nur für den Weg zur und von der Arbeit, sondern auch für Ausflüge entlang des Flusses Ostravice bis in die Beskiden genutzt werden können.

Entlang des Flusses Ostravice bis in die Beskiden. Foto: BL.

Im Rahmen seiner einleitenden Worte ging der Moderator Pavel Bobek (nicht dieser Pavel Bobek) auf die von Studio Najbrt geschaffene visuelle Stilisierung des Deutsch-tschechischen Kulturfrühlings ein, die sich auf Emoticons stützt, die universell verständlich sind, unabhängig davon, welche Sprache einem näher steht - Deutsch oder Tschechisch. Aus der Verknüpfung dieser beiden Sprachen ist auch die Abkürzung De_tsch entstanden. Einige aufmerksame Besucher haben sich dazu hinreißen lassen, darauf hinzuweisen, wie das Wort richtig aussehen müsste. "Da fehlt das U", sagten sie und wiesen mit dem Zeigefinger auf den Unterstrich. Daraufhin mussten sie einen kleinen Vortag über deutsch-tschechische Wortspiele über sich ergehen lassen. Die Visualisierung mit den lächelnden Tiergesichtern wird den ganzen Frühling über auf Plakaten und Broschüren zu sehen sein, und vielleicht landet auch eine Sendung in der Emojis-Sprache in Ihrem Briefkasten, d.h. wenn jemand von Ihnen neben der elektronischen Post auch noch die klassische Post nutzt und sich eine der Ansichtskarten mit Frühlingsmotiven aussucht. Wie Herr Dr. Berthold Franke, Direktor des Prager Goethe-Instituts, mit einem Blick auf das Plakat treffend bemerkte, habe der deutsche Adler noch nie so freundschaftlich gewirkt und der tschechische Löwe noch nie so süß ausgesehen. Die verliebten Blicke der beiden gehören ebenso zum Frühling wie eine Wanderung von Ostrava zum Berg Lysá Hora, dem höchsten Berg der Beskiden (die um Einiges anspruchsvoller ist als ein romantischer Spaziergang auf den Prager Laurenzi-Berg - Petřín).

De_tsch in der Stodolní-Straße von Ostrava. Foto: BL.

Nach den offiziellen Eröffnungsansprachen, in denen in deutscher und in tschechischer Sprache an die gemeinsame deutsch-tschechische Geschichte der Stadt Ostrava erinnert wurde, folgte die Vorstellung des Theaters Tineola "Woandershin", in der lebendige Zeichnungen mit musikalischen und tänzerischen Darbietungen verbunden wurden. Als ich zum ersten Mal von lebendigen Zeichnungen auf einem iPad hörte, habe ich mir einen überdrüssigen jungen Künstler vorgestellt, der nicht die Geduld aufgebracht hat, die Grundlagen der Zeichentechniken zu erlernen. Diese Einschätzung trifft jedoch auf Frau Bartoňová auf keinen Fall zu. Sie ist in der Lage, die Welt in Bildern wahrzunehmen, und mit der Veränderlichkeit dieser Bilder sogar Menschen, die fast ununterbrochen Internet-Videos schauen (und ich weiß, wovon ich rede), zu faszinieren. Dabei handelt es sich nicht nur um ein rein visuelles Erlebnis mit musikalischer Untermalung, sondern um die Darstellung des historischen Themas der Flucht Böhmischer Brüder nach Rixdorf, das heute zum Berliner Stadtbezirk Neukölln gehört. Sie birgt jedoch keinen vordergründigen Hinweis auf aktuelle Kriegskonflikte und die Menschen, die vor ihnen flüchten. Vielmehr geht es um das allgegenwärtige Bedürfnis der Menschen, einen ruhigen und sicheren Ort für ihr Leben zu finden. Und das ist ein Thema, das auch diejenigen anspricht, die das Glück haben, in Ostrava, Prag oder Berlin zu wohnen. Diese ungewöhnliche Vorstellung hat bewirkt, dass die jüngste Besuchergeneration dann bei einem feierlichen Glas Sekt eine gemeinsame Wandertour auf den Berg Lysá Hora vereinbart hat.

Foto: Pavlína Jáchimová.

Rixdorf ist zugleich auch der Ort, der dem Kulturfrühling die richtige Geschmacksrichtung gibt, und zwar mit Hilfe des blaugrünen Wohnwagens mit dem Namen Rixbox. In der Rixbox kochen Jakub und Bára echten deutschen Kaffee und servieren pikante Chilli con carne (für vegan lebende Menschen Chilli con tofu) exakt genauso, wie sie es von Hossein Eggebrecht gelernt haben. Dieser betreibt nämlich im Berliner Stadtbezirk Neukölln, der sich aus dem ehemaligen böhmischen Dorf in einen Multikulti-Stadtbezirk entwickelt hat, in dem alle Geschmacksrichtungen mit Chilli gemischt werden, einen Schnellimbiss. Für die feierliche Eröffnung hat das Rixbox-Team einen speziellen Begrüßungstrunk kreiert: einen eisgekühlten Espresso Martini. Wenn Sie diesen während des Eröffnungsabends in Ostrava nicht probieren konnten, dann brauchen Sie nicht traurig zu sein. Den Betreibern des Kulturhaus-Restaurants hat er nämlich so gut geschmeckt, dass sie ihn gern im Sommer in ihr Angebot kalter Getränke aufnehmen möchten. Und wenn Sie nach diesem hervorragenden Mixgetränk aus Kaffee, Sirup und Alkohol ebenso wie wir außer Rand und Band durch die Straßen von Ostrava laufen werden, dann beschweren Sie sich aber bitte nicht, dass wir Sie vor dem scharfen Start des Kulturfrühlings nicht gewarnt hätten.

Foto: BL.

Foto: Pavlína Jáchimová.

Die Rixbox wird den Deutsch-tschechischen Kulturfrühling auf seiner Reise durch die Regionen begleiten und dabei in den örtlichen Betreibern gastronomischer Einrichtungen auf harte Konkurrenz treffen. Zur Eröffnung gab es im Kulturhaus der Stadt Ostrava ein tolles Bankett, bei dem sich gezeigt hat, dass die Betreiber des Restaurants ihre Gäste wirklich gut kennen. Während wir misstrauisch einen Bogen um Aspikwürfel machten und uns eher an Schnitzel und Hirschgulasch hielten, dauerte es gar nicht lange, und an die Leckerbissen in Aspik erinnerten nur noch viereckige Ränder auf leeren Tabletts. Ein noch größeres Büfett erwartete uns am Sonnabend im Kulturzentrum des ehemaligen Bergwerks Hlubina. Hier boten in Ostrava lebende Ausländer im Rahmen des Begleitprogramms des Festivals Jeden svět ihre Nationalspeisen an. Neben gefüllten Tibeter Taschen, griechischen Fleischspießen und indischen Samosas wirkte das Berliner Chilli con carne auf einmal nicht mehr ganz so exotisch. Zum Glück ist die Rixbox, d.h. der pfefferminzgrüne Wohnwagen des Studios MAK!, unübersehbar und geht auch in der stärksten gastronomischen Konkurrenz nicht unter.

I speak aspik. Foto: BL.

Rixbox vor dem Kulturzentrum Hlubina. Foto: BL.

De_tsch im Kulturzentrum Hlubina in Vítkovice. Foto: BL.

Nachdem ich festgestellt hatte, dass (multi)kulturelle Erlebnisse nicht nur in Berlin, sondern auch in Vítkovice warten, hätte ich am liebsten Freudensprünge vollführt, was übrigens in Ostrava durchaus üblich ist. Wenn Sie also ein Burnout befürchten, dann nehmen Sie den Rest Ihrer Glut und kommen Sie nach Ostrava! Hier zieht der Kulturfrühling auch den größten Skeptiker in seinen Bann.

Foto: BL.

Die Autorin des Artikels mit einem Kaffee aus der Rixbox. Foto: Pavlína Jáchimová.


Autorin: Barbora Langmajerová